Gruseldiagnose: Borreliose ?!

„Zecken? Da gibt es eh eine Impfung!?“ – Ja. Gegen FSME (FrühSommerMeningoEnzephalitis) aber NICHT gegen andere von Zecken übertragbare Krankheiten. Zu diesen Zählen neben Babesiose, Ehrlichiose, Rickettsiose, Krim-Kongo-Fieber,… auch die Lyme-Borreliose. Und letztere ist gar nicht so selten. Borrelien sind laut www.zecken.at die häufigsten von Zecken übertragenen Erreger in Österreich.

In den vergangenen Jahren bin ich immer wieder auf die Diagnose Borreliose gestoßen. Verwandte und Freunde waren damit konfrontiert. Manche mit Wanderröte (Erythema migrans) – manche ohne. 2013 bekam ich selbst die Info, dass ich eine Borrelieninfektion durchgemacht hatte. Das war mir gar nicht bewusst. Bei einer Neuinfektion entwickeln nur um die 50 % eine Wanderröte, und 20% eine „Sommergrippe“ – Hurra! Also kann es schon sein, dass in der Vergangenheit eine leichte „Grippe“ in Wirklichkeit der Kampf meines Körpers gegen die Borrelien war. Diese machen es dem Körper nicht leicht.

Wer löst Borreliose aus?

Borrelia burgdorferi und Verwandte sind Spirochäten (das bedeutet schraubenartige Bakterien). Sie wurden nach Dr. Willhelm Burgdorfer (verstorben 2014) benannt, der sie im Jahr 1982 in der Region „Old Lyme“ in Connecticut (USA) entdeckte.

Im Körper können die Bakterien in aktiver schraubenartiger Form oder „verkapselt“ als kugelartige Gebilde vorkommen.

In der Natur leben meist im gemeinen Holzbock (Zecke), können aber auch durch Stechmücken (Pferdebremsen), übertragen werden. Zecken durchleben 3 Entwicklungsstadien (Larve, Nymphe, Adult), wovon sie in jedem nur ein mal Blut benötigen. Je länger sie saugen, desto wahrscheinlicher ist eine Übertragung. Eine mögliche sexuelle Übertragung von Mensch zu Mensch wird momentan als unwahrscheinlich erachtet, die Datenlage hierzu ist allerdings gering (Es gibt eine derzeit laufende Studie von Leona Gilbert und einer Finnischen Universität).

Die Übertragung von Mutter auf Kind ist umstritten und wird von einigen als eher gering eingestuft auch hier ist die Datenlage gering. Es gibt eine Studie an Hamstern, bei welcher keine Übertragung statt fand. Ob sie repräsentativ für den menschlichen Organismus ist, darüber kann man streiten.

Die Behandlung von stillenden Erkrankten kann mit stillfreundlichen Antibiotika durchgeführt werden. Hierzu weiß eine IBCLC mehr (www.stillen.at).

Wie verläuft die Infektion?

Es gibt mehrere Stadien, die nicht alle unbedingt auftreten müssen. Dies liegt am individuellen Immunsystem und derzeit unbekannten Faktoren. Es kann Jahrzehnte dauern bis bleibende Schäden entstehen.

Stadium 1 oder: Was ist ein Erythema migrans?

Stadium 1 dauert bis zu einem Monat.

Die Wanderröte ist eine rote Stelle auf der Haut mit hellem Kreis um einen roten Innenteil, die sich ausbreitet / wandert. So die Theorie. Nur ist an manchen Körperstellen kein „Kreis“ zu sehen. Oft wird es als „blauer Fleck“ oder allergische Reaktion verkannt und das Weiß ist nicht zu sehen. Auf dunkler Haut/bei Sonnenbrand ist es noch dazu schwer zu erkennen. Da es manchmal auch nicht juckt oder brennt, kann es doch wohl nicht so tragisch sein… Wer geht wegen einem roten Fleck schon zum Arzt, wenn er wieder verschwindet? Auch eine leichte Sommergrippe kann man schnell zuhause auskurieren und man ärgert sich zwar, aber denkt nicht gleich an Borrelien. Nun hat man dann schon das erste Stadium einer Lyme-Borreliose übersehen. Wie ein Lymphozytom aussieht ist sicher auch nicht jedem geläufig. Es ist ein etwa münzgroßer bläulich-roter „Knubbel“ bzw. Knoten. Dieses tritt meist erst im Stadium 2 auf.

Viele Bilder sind auf der Homepage www.bca-clinic.de zu finden.

Stadium 2:

Der Erreger breitet sich über Wochen oder Monate hinweg im ganzen Körper aus.

Es kann zu akuten Infektionen der Organe kommen. Gelenke, Herz, Augen, Gehirn oder periphäres Nervensystem können betroffen sein. Oft leidet der Patient unter grippeähnlichen Symptomen und starken Schweißausbrüchen. Lymphknoten schwellen an, es können Lähmungen auftreten. Man vermutet, dass die Borrelien selbst sich kurz im Blut aufhalten um dann in die Gewebe zu gelangen (Bindegewebe, Muskelgewebe, Gehirn). Es kann eine Neuroborreliose entstehen. Hier wird das Nervensystem und das Rückenmark befallen. Dies kann Entzündungen, Missempfinden, Lähmungen, Schmerzen oder Schwäche auslösen. Besonders Kinder neigen zur Gehirnhautentzündung. Das Fortschreiten der Krankheit kann zu irreversiblen Gewebeschäden führen.

Stadium 3:

Es kann zu monate- und jahrelanger Latenzzeit kommen, und dann durch unbekannte Ursachen (Immunschwäche) wieder aufzuflackern. Die Erkrankten zeigen keine einheitlichen Symptome. Manche zeigen eher neurologische Störungen, während andere nur an Gelenken betroffen sind. Oft wird es mit Arthritis verwechselt, weswegen diese Gelenksentzündung Lyme-Arthritis genannt wird. Es kann Akrodermatits chronica atrophicans Herxheimer (ACA) auftreten. Die Haut wird besonders an Unterarmen und Unterschenkeln, Hand- und Fußrücken sehr dünn (wie Zigarettenpapier). Auch zum Befall des Herzmuskels kann es kommen.

Leider – oder Gott sei Dank – kommt es nicht immer zu allen drei Stadien. Es können Stadien übersprungen werden oder die Erkrankung bleibt bei einem Stadium stehen. Interessanterweise kann die Infektion in jedem Stadium vollständig von selbst ausheilen. Keiner weiß warum. Das dumme ist nur, dass man sich immer wieder mit Borrelien infizieren kann. Es gibt keine Immunisierung.

Streitpunkt Borreliose:

Viele Aspekte der Borreliose sind noch unbekannt. Das Thema wird kontrovers diskutiert. Die Fachwelt hat sich gespalten:

Standard-Lager A (IDSA – Infectious Diseases Society of America ) hat Leitlinien erstellt und glaubt, dass Lyme Borreliose selten ist, einfach zu diagnostizieren (Wanderröte), zweistufige Bluttests zuverlässig sind und die Antibiotikatherapie über 14 bis 28 Tage wirksam ist. Neuroborreliose ist sehr unwahrscheinlich. Eine Übertragung auf das Kind im Mutterleib ist unwahrscheinlich. http://www.idsociety.org/Index.aspx

Alternativ-Lager B (ILADS – International Lyme And Associated Diseases Society) ist jedoch der Meinung, dass Lyme Borreliose und andere durch Zecken übertragbare Krankheiten (Koinfektionen) häufig sind. Die Koinfektionen erschweren die Diagnostik und Therapie. Bluttest alleine sind unzuverlässig (falsch positive / negative Ergebnisse, schlechte Sensibilität). Borrelien sind schwer zu eliminieren, da sie unterschiedliche Formen (Spirale / Kugel) annehmen können. Häufiges Versagen der Antibiotikabehandlung. Bei persistierender Borreliose ist eine Langzeitantibiose sinnvoll. Eine Übertragung auf das Kind im Mutterleib ist möglich. Die ILADS ist eine non-profit Interessensgruppe (www.ilads.org) aus Anwälten, Ärzten, Patienten und Laborpersonal (https://en.wikipedia.org/wiki/International_Lyme_and_Associated_Diseases_Society).

Die AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen und Medizinischen Fachgesellschaften) in Deutschland hat ebenfalls unterschiedliche Leitlinien für Neuroborreliose, kutane Borreliose und Lyme Arthritis erstellt (http://www.awmf.org Leitlinien suche – „Lyme“)

In Österreich gibt es nur sehr wenige (ich kenne 2) Ärzte die sich des Themas alternativ angenommen haben. Leider sind beide genug mit Patienten ausgelastet. (Deswegen hier auch keine Kontaktdaten)

Testverfahren und Behandlung:

Da ich als Nicht-mediziner nicht ausreichend ausgebildet bin, die derzeitige Sachlage zu beurteilen, möchte ich hier weder Testverfahren noch Behandlungswege darstellen. Fakt ist, es gibt verschiedene Tests mit unterschiedlicher Sensitivität und Sensibilität.

Wie bei einigen anderen Erkrankungen kann man die Antikörper, die der Körper bildet um gegen die Borrelien zu kämpfen, nicht sofort nach der Infektion feststellen. Es dauert eine Zeit (bis zu drei Wochen!) bis die ersten Antikörper (IgM) auftreten, die dann MEISTENS wieder verschwinden und nur die zweite Antikörperart (IgG) (erscheinen ab 6 Wochen) bleibt für eine längere Zeit (bis Jahre) im Körper. Die Antikörper alleine sagen nicht aus ob die Erkrankung noch besteht oder bereits überstanden ist. Blutserum und Liquor („Rückenmarksflüssigkeit“) können noch Jahrzehnte nach einer ausgeheilten Infektion Antikörper enthalten. In Europa leben andere Unterarten der Borrelien als in den USA, deswegen gibt es unterschiedliche Symptome und vor allem müssen auch die passenden Tests ausgewählt werden.

Als Multi-Organ-Erkrankung spielt die Krankheitshistorie jedenfalls ein große Rolle. Die verschiedenen Disziplinen müssen hier gut zusammenarbeiten um eine Diagnose stellen zu können und vor allem andere Erkrankungen ausschließen zu können (MS, Rheuma, Tumore,…). Einig ist man sich, dass die Therapie so früh wie möglich erfolgen sollte. Das einzige Symptom, dass 100% auf eine Borrelieninfektion schließen lässt ist die Wanderröte, die aber leider oft übersehen wird oder nicht immer auftritt. Bei einer beidseitigen Gesichtslähmung, die zu 96% von Borrelien verursacht wird, ist eine Blutuntersuchung trotzdem nötig. Fraglich ist, ob eine Lyme-Borreliose im Stadium 3 mit Antibiotika überhaupt heilbar ist. Bei www.med4you.at fand ich die Diagnostik sehr gut beschrieben.

Immunisierung:

Eine Impfung gegen Borreliose gibt es leider immer noch nicht. Seit den 1980er Jahren versucht man sich daran. Derzeit werden Studien durchgeführt (2017 am Menschen) um Wirksamkeit, Nebenwirkungen und Dosis festlegen zu können. Da es jedoch so viele Stämme gibt und die Bakterien sehr gut durch das Immunsystem schlüpfen, ist es sehr schwierig.

Was kann ich präventiv tun?

  1. Schwarzkümmelöl (Nigella sativa): 2014 hat bei „Jugend forscht“ ein 18-Jähriger Augsburger untersucht ob Schwarzkümmelöl seinen Hund vor Zecken schützt. Auch Flöhe soll es vertreiben. Alexander Betz hat 1 Teelöffel in das Futter gemischt und tatsächlich trug der Hund deutlich weniger Zecken im Fell. (Bitte nicht bei Katzen ausprobieren, denen Fehlt angeblich ein Enzym zum Abbauen der Terpene)
    Ich konnte nur eine wissenschaftliche Studie finden, die die Eigenschaft als Repellent bestätigt: Repellency to ticks (Acari: Ixodidae) of extracts of Nigella sativa (Ranunculaceae) and the anti-inflammatory DogsBestFriend™. Carroll JF, Babish JG, Pacioretty LM, Kramer M. Exp Appl Acarol. 2016 Sep;70(1):89-97. doi: 10.1007/s10493-016-0058-x. Epub 2016 Jul 9. PMID: 27394440 Ein 20%iger alkoholischer Schwarzkümmelextrakt wirkt auf Zecken innerhalb von 12 Stunden tödlich (Rhipicephalus annulatus (Acari: Ixodidae) Control by Nigella sativa, Thyme and Spinosad Preparations. Aboelhadid SM, Mahran HA, El-Hariri HM, Shokier KM. J Arthropod Borne Dis. 2016 Jan 5;10(2):148-58. eCollection 2016 Jun. PMID: 27308273 ).Gutes Schwarzkümmelöl ist schwer zu finden. Es schmeckt nur leicht scharf und riecht angenehm würzig – während andere echt ungenießbar sind und auf empfindlicher Haut sogar brennen. Ich persönlich mische es in Salat gemeinsam mit anderen Ölen und gebe es ins Badewasser (gemeinsam mit Kokosöl). An zeckenreichen Orten trage ich es auch auf die Haut (besonders Beine und Arme) und das Haar auf (da natürlich nur ein paar Tropfen auf die Bürste).
  2. Auch Kokosöl soll wegen Geruch und Inhaltsstoffen (Laurinsäure) den Körper für Zecken unattraktiv machen.
  3. angemessene Kleidung (lange Ärmel und lange Hosen – Socken über Hosenbein)
  4. Gefahrenzonen meiden. Zecken sitzen nicht auf Bäumen. Sie klettern maximal einen Meter. Meistens sind sie im Gras zu finden. Das ist mit Kindern natürlich schwierig und es ist besser sie sind im Wald als im Haus darum:
  5. Gründlich absuchen, am Besten täglich nach dem Aufenthalt im Freien: Zecken lieben weiche Haut. Sie stechen mit Vorliebe in Achselhöhlen, Kniekehlen, zwischen Zehen, Bauchnabel und Fingern, Popofalte, Hoden, hinter dem Ohr, im Nacken – auch im Haarbereich.
  6. Zecken vorsichtig entfernen: mit spitzer Pinzette parallel zur Haut gefasst und gerade herausgezogen werden! Niemals drehen, quetschen, mit Öl/Klebstoff ersticken… Das führt zum Erbrechen der Zecke IN den Körper und erhöht die Gefahr der Übertragung.

Weiterführende Informationen findest du :

http://www.bca-clinic.de

https://www.arminlabs.com

https://de.wikipedia.org/wiki/Lyme-Borreliose

http://www.med4you.at

https://link.springer.com/article/10.1007/s15006-013-0077-z Die 9 häufigsten Irrtümer

http://www.awmf.org

Bleib gesund!

Susanne

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